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“Eine Chance geben, dass ein Kind
entstehen kann”

Psychologische Begleitung von Paaren mit unerfülltem Kinderwunsch – Teil 2

Klinik-Psychologe Mag. Karl-Heinz Brandt im Kinderwunsch BLOG-Interview:

(den ersten Teil des Interviews finden Sie hier)

Foto1_psycholgische begleitung bei kinderwunsch

Mag. Karl-Heinz Brandt (l) | Rene Winsauer (r)

Herr Mag. Brandt, die IVF Zentren Prof. Zech bieten ihren Patientenpaaren die Möglichkeit, auf Wunsch eine psychologische Betreuung in Anspruch zu nehmen. Wir haben bereits über die verschiedenen Situationen gesprochen, in welchen diese Option sehr wichtig werden kann. Ich möchte nun auf das soziale Umfeld und dessen Einfluss auf Kinderwunschpaare näher eingehen.

Stichwort “World Wide Web”. Wie nehmen Wunscheltern Informationen aus dem Internet auf, z.B. aus Foren?
Mag. Brandt: Um mit einem Vergleich zu beginnen, die berühmte “Kehrseite der Medaille” stelle ich auch bei Internet-Foren fest. Zunächst zur positiven Seite: Foren bieten meist nützlich Hinweise, kompetente Hilfsangebote und geben dem Paar das Gefühl mit seinen Nöten nicht alleine zu sein: “Da gibt’s ja noch viele andere, die auch in Behandlung sind”. Dieser Austausch mit anderen Betroffenen wird besonders für Frauen sehr wichtig. Der Grund: In ihrem Umfeld ist es meist schwierig über dieses Thema zu sprechen. Außer mit ihrem Mann, aber der Mann ist damit nahezu überfordert. Frauen in Foren bieten eine Runde für Gespräch und Austausch, sind für einander da, trösten oder geben hilfreiche Tipps.

Nun zur negativen Seite: Foren können sehr verwirrend wirken, weil die Nutzerinnen ihre individuellen Erfahrungen hineinstellen, zum Teil mit einer starken Gewichtung, und unter Ausblendung wichtiger Aspekte in der sehr komplexen Kinderwunschthematik. Ihre Aussagen wirken auf die Leserin wie suggestive Wahrheiten. So können die Frauen sich gegenseitig „verrückt“ machen, was durchaus ins Extreme gehen kann.

Wie gestaltet sich der Einfluss auf Kinderwunschpaare aus dem unmittelbaren sozialen Umfeld, beispielsweise durch Freunde und Familie?

Mag. Brandt: In eher wenigen Fällen ist dieser Einfluss positiv, sondern mehr eine Quelle von Störungen. Einerseits, weil überhaupt nicht offen über das Thema Kinderwunschbehandlung gesprochen werden kann und andererseits, weil keine unterstützende Haltung der Eltern, Geschwister, Freunde, Kollegen etc. gegeben ist. Leider entspricht die Akzeptanz der Bevölkerung, trotz über 30 Jahre der medialen Präsenz von künstlicher Befruchtung, nicht dem, wie es heute sein sollte.
Häufig berichten Paare, dass sie sich bedrängt fühlen oder vom Unverständnis der anderen belastet werden. Bedrängt durch falsche Ratschläge, falsche elterliche Fürsorge, z.B.: “Mutti übernimmt das Regime” und sucht nach Kliniken, Ärzten etc. Die Tochter empfindet es aber als wenig hilfreich.
Es gibt auch Situationen, in welchen die künftigen Großeltern Druck ausüben: “Was ist jetzt los mit Enkel, macht mal gefälligst, wir brauchen jetzt Enkel!”. Das Umfeld kann extrem sein.

Zum Glück gibt es ein paar tolle Strategien, wie man damit umgehen kann. Und wenn die Paare in diesen Vorgehensweisen instruiert werden, fällt ihnen oft ein Stein vom Herzen und sie merken, dass sich ein Ausweg aus dieser bedrängten Situation öffnet.

Foto2_psycholgische begleitung bei kinderwunsch

Abschließend noch die Frage: Wenn der Entschluss zur Kinderwunschbehandlung gefasst ist, was würden Sie dem Paar mit auf den Weg geben?
Mag. Brandt: Ich würde dem Paar folgendes sagen: Das Kinderwunschprojekt als zielstrebigen Weg zu einem Erfolg wahrzunehmen, kann zum eigentlichen Problem werden, indem das, was wir eigentlich wollen zumindest hinausgezögert, vielleicht sogar verhindert wird. Einen Weg zu beschreiten, der ihnen zum Stolperstein werden kann, ist nicht ratsam. All das was sie sonst aus ihrem Alltag wissen, wie sie zielstrebig zum Erfolg kommen, das zählt hier nicht.

Als Leistung reicht völlig, dass sie alles machen, was auf dem Plan steht – Untersuchungstermine, Spritzen etc. Außerhalb dieser Domäne gibt es nichts was sie leisten können, um einen „Erfolg“ zu erzielen. Besser ist, das Ganze als ein Projekt zu sehen, in welchem sie sich eine Chance geben, nämlich die Chance, dass ein Kind entstehen kann. Und was sie auf dem Weg dieses Projektes lernen können.

Natürlich ist der Umstand, dass sie überhaupt eine Kinderwunschbehandlung beginnen das Wichtigste. Denn, nur durch den Behandlungsversuch findet man heraus, ob es zu einer Schwangerschaft kommt. Ohne den Versuch bleibt ewig unklar, ob es zu einer Schwangerschaft gekommen wäre oder nicht. Jeder Behandlungsversuch ist schon deshalb wertvoll, weil man ihn überhaupt erst unternimmt, weil man den Mut und die Entschlossenheit aufbringt und sagt, „Wir machen das“. Das gehört gewürdigt!

Wenn man das Ganze als Chance nimmt, dass ein Kind entstehen kann, und dass man auf dem Weg dorthin wertvolle Lebenserfahrungen sammeln kann, dann bleibt man im Prozess. Man achtet darauf, dass man die vielfältigen Aspekte des Lebens im Auge behält und eben nicht nur noch den Gedanken an den Kinderwunsch, Kinderwunsch, Kinderwunsch. Denn dort wo Leben ist, können spontane und unerwartete Impulse sich Geltung verschaffen.

Vielen Dank für das Gespräch.


Links:
» Unerfüllter Kinderwunsch – Psychologische Hilfe

(Themen-Special | http://www.kinderwunsch-blog.com)

» IVF – ein gesellschaftliches Tabu?

(Beitrag | http://www.kinderwunsch-blog.com)

» Home

(Startseite | http://www.kinderwunsch-blog.com)


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